Pflanzenfärben im Rhythmus der Jahreszeiten
Wenn du dein Färbematerial in der Natur sammelst, wirst du feststellen, dass das Angebot je nach Jahreszeit anders ausfällt.
Die Farbpalette, die sich über ein ganzes Jahr hindurch zeigt, ist sehr spannend und vielfältig. Es gibt Pflanzen, die du nur in bestimmten Jahreszeiten findest.
Und dann gibt es solche, die vom Frühling bis in den Herbst hinein da sind, aber im Frühling zartere Farbtöne färben als im Herbst. Das erlebte ich vor kurzem, als ich zum ersten Mal mit Brennesseln färbte, die ich im Frühjahr gesammelt habe, anstatt wie gewohnt im Herbst. Für mich war es normal, dass mir die Brennessel Graugrüntöne schenkt. Das war bis jetzt jedes Mal so. Doch nun, als ich den fertig gefärbten Stoff aus dem Farbsud nahm, zeigte sich mir ein heller Goldton. Zuerst dachte ich noch, ich hätte dem ganzen Färbeprozess vielleicht zu wenig Zeit gegeben und legte den Stoff zurück ins Farbwasser. Doch auch Tage später als ich die Färbung wieder überprüfte, war immer noch nichts von meinem Graugrünton zu sehen und dann fiel mir ein, dass ich dieses Mal die Brennessel im frühen Frühling gesammelt habe, anstatt wie sonst im Sommer oder Herbst.
Der Sammelzeitpunkt hat Einfluss auf die Farbe
Ich finde es faszinierend, dass der Sammelzeitpunkt einer Pflanze, so viel Einfluss auf das Farbergebnis haben kann. Das zeigt einmal mehr, wie vielfältig die Natur in ihrem Ausdruck ist und dass da noch so viel auf uns wartet, um von uns entdeckt zu werden.
Wenn Du ein ganzes Jahr hindurch los gehst und Färbematerial sammelst, wirst du einen ganz anderen Blick für die Natur bekommen. Du wirst Fauna und Flora um dich herum neu entdecken. Ich weiss noch als ich angefangen habe, auf meinen Spaziergängen Pflanzen oder Planzenteile zu sammeln. Ich dachte am Anfang noch, dass hier keine Pflanzen wachsen, die ich zum Färben gebrauchen könnte. Doch mit der Zeit bekam ich den Blick dafür, was sich eignet und was eher nicht.
Pflanzen entdecken
Meine absolute Lieblingssammelzeit ist der Herbst. Hier finde ich Färbematerial, das mir ruhige und tiefe Farbtöne schenkt. Vor ein paar Jahren war ich auf einem Spaziergang unterwegs und fand am Boden Nüsse. Zuerst dachte ich, das sind Baumnüsse. Denn die habe ich in dieser Gegend, wo ich unterwegs war, schon oft gesammelt und konnte daraus wunderschöne Brauntöne färben. Doch diese Nüsse, die ich am Boden liegen sah, waren anders in ihrer Form und auch die fleischige Schale, die bei Baumnüssen grün ist, war hier gelb. Und auch der Geruch war anders, er erinnerte mich an Seife. Und beim Blick nach oben zum Baum, sah ich fein gefiederte Blätter. Also war klar, das sind keine Baumnüsse.
Eine Recherche mit meinem Pflanzenapp zeigte: das hier sind Schwarznüsse. Ich habe von Schwarznüssen bis zu diesem Zeitpunkt noch nie was gehört. Aber anscheinend wurde mit diesen Nüssen in alten Zeiten gefärbt. Die Schwarznuss war damals, als das Färben mit Pflanzen ganz normal war, eine beliebte Farbquelle für tiefe erdige Brauntöne, die schon fast ins Schwarz kippen können. Ich liebe es mit dieser Pflanze zu Färben. Leider ist dieser Baum in meiner Gegend selten anzutreffen. Ich kenne nur diesen einen Baum. Und jedes Jahr freue ich mich darauf, die gefallenen Nüsse einzusammeln und damit zu Färben.
Was im Herbst auch herrlich ist; der Goldton von am Boden liegenden Weideblättern. In meinem Garten wächst die Korbweide. Sie ist ein Erinnerungsstück meines Vaters. Als er noch lebte, flocht er unzählige Körbe aus Weidenruten. Das Spannende an Weide ist, du kannst eine Rute im zeitigen Frühjahr einfach in den Boden stecken und sie bildet Wurzeln. Daraus entsteht über Jahre ein eindrücklicher Baum, oder wie in meinem Fall, ein Weidezaun, der meinen Garten schmückt. Als ich frisch mit dem Färben begonnen hatte, experimentierte ich mit dem gefallenen Laub meines Weidezauns. Ich färbte damit einen Leinenstoff ein. Das Farbergebnis war der Hammer. Ein satter Goldton mit einer leichten Rosanuance. Im Frühling darauf, färbte ich wieder mit der Korbweide, doch diesmal mit frischen kräftigen Blättern und der Farbton fiel ganz anders aus.
Ein Rotbraunton zeigte sich mir auf dem eingefärbten Stoff.
Ich könnte jetzt hier noch ein paar weitere solcher Färbe-Erlebnisse aufzählen. Aber das würde den Rahmen sprengen. Ich möchte dich ermuntern, selbst solche Erfahrungen zu machen. Sei neugierig und probiere aus. Du hast nichts zu verlieren. Als wir noch Kinder waren, haben wir ohne Erwartungen verschiedene Dinge ausprobiert und dadurch auch viel entdeckt. Sobald wir älter werden verlieren wir diese Unbeschwertheit und haben Angst Fehler zu machen. Dabei sind es gerade die Fehler, die uns weiterbringen und Erkenntnisse schenken. Aus jeder Erfahrung lernen wir. Das Färben mit Pflanzen kann
eine tolle Möglichkeit sein, dieses kindliche Experimentieren wieder neu zu entdecken. Ich wünsche dir viel Spass dabei.




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